Geschichte
Die Gründung des Vereins
In den vergangenen Jahrzehnten eroberte das Volksfest die Herzen der Chamer und wurde zu dem gesellschaftlichen Ereignis des Hochsommers. Von so einem Erfolg hätten sicherlich auch dessen Väter nicht zu träumen gewagt, als sie drei Jahre nach dem Kriegsende mit ihrer Idee an die Öffentlichkeit gingen.
Die Wunden des Krieges waren noch lange nicht verheilt. Ganz zu schweigen von der wirtschaftlichen Situation, die von Arbeitslosigkeit, Währungsreform und Geldknappheit bestimmt wurde. Unter diesen Umständen kann man den Vorschlag, ein Volksfest zu veranstalten, durchaus als gewagt bezeichnen. Aber gerade in diesen schweren Jahren wollte eine Gruppe von Bürgern der Bevölkerung wieder Mut und Lebensfreude zurückgeben. Darüber hinaus erkannten sie auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten so einer Veranstaltung.
Als Stadtrat Karl Reitmeier in der Ratssitzung vom 16. November 1948 die Volksfest-Idee vortrug, hielt Bürgermeister Schmidbauer die Zeit noch nicht reif dafür. Wegen der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse befürchtete er sogar, dass die Schausteller nichts verdienen könnten. Er riet deshalb den Volksfest-Befürwortern, einen Garantiebetrag zu bilden, um den Fieranten wenigstens die Heimfahrt bezahlen zu können. Weil sich der Bürgermeister nicht für den Vorsitz im zu bildenden Volksfestkomitee gewinnen ließ, lud man die Bürger im Dezember 1948 zu einer öffentlichen Versammlung ein. Dort warb der Initiator, der Landtagsabgeordnete Hans Eder, energisch für das Volksfest. Er betonte: "Des wird a G'schäft und koa Pleite!" Doch trotz seiner optimistischen Einstellung blieb ein finanzielles Risiko, für das allein die Veranstalter mit ihrem privaten Vermögen haften mussten. Es wurde lange und lebhaft diskutiert, so dass noch eine weitere Versammlung am 26. Dezember im Hotel „Alte Post“ nötig war, ehe sich 13 Bürger bereit erklärten, im Notfall für die Kosten des geplanten Volksfestes einzustehen. Um eine Basis auch für künftige Feste zu haben, beschloss man einen Verein zu gründen, der Trägerschaft und Organisation in die Hand nehmen sollte.
Das Amt des ersten Vorsitzenden bekleidete Hans Eder, während der Spediteur Hans Scherbauer als Stellvertreter fungierte. Beide Männer hatten bereits bei den Volksfesten von 1925 und 1931 aktiv mitgewirkt und konnten ihre Erfahrungen in die Arbeit einbringen. Der Leiter der Stadtwerke Fritz Amann gehörte ebenso zu den Gründungsmitgliedern wie Spenglermeister Heinrich Grötsch, Kaufmann Josef Heilingbrunner, Rechtsanwalt Dr. Rudolf Hösl, Prokurist Peter Mayr und stellvertretender Landrat Karl Muggenthaler. Ergänzt wurde die Runde durch Bäckermeister Rudolf Österreicher, Innungsobermeisters Karl Reitmeier, Kreishandwerksmeister Hans Roider, Stadtkämmerer Hermann Teufl und Druckereibesitzer Karl Wein.
Damit waren die Grundlagen für den Volksfestverein gelegt, der wenig später offiziell unter der Bezeichnung "Verein zur Förderung öffentlicher Veranstaltungen und kultureller Bestrebungen der Stadt Cham e. V." seine Arbeit aufnahm. Hinter diesem etwas unhandlichen Namen stand von vornherein die Absicht auch außerhalb der Volksfestzeit öffentliche Veranstaltungen durchzuführen und das kulturelle Leben in Cham zu unterstützen. Ein Vorsatz, dem der Verein bis heute treu geblieben ist, wie zahlreiche Musikveranstaltungen, kulturelle Einrichtungen und Vereine bestätigen können.
Das erste Volksfest vom 30. Juli bis 8.
August 1949
Zur Organisation des ersten Festes gehörte es auch, den passenden Termin festzulegen. Man wollte weder mit dem Further Drachenstich konkurrieren, noch Besucher durch die Haupterntezeit verlieren. Um hier die richtige Entscheidung zu treffen, bediente sich Hans Eder alter Bauernkalender, in denen er die Ausgaben für Taglöhner notiert hatte. So ermittelte er die Tage, an denen die Ernte vorüber war, das Wetter aber noch schön blieb. Der strahlende Sonnenschein, der das Chamer Volksfest oft begleitet, bestätigt, wie richtig seine Berechnungen damals waren.
Das A und O eines jeden Volksfestes ist natürlich der Festbetrieb und vor allem der Bierausschank. Letzterer machte das erste Chamer Volksfest 1949 zu einem Ereignis von landesweiter Bedeutung. Denn hier konnte erstmals wieder eigens gebrautes Festbier angeboten werden.
Nach wochenlangen Vorbereitungen begann am 30. Juli 1949 das erste Volksfest nach dem 2. Weltkrieg. Es bot den Besuchern unterschiedlichste Veranstaltungen und Attraktionen. Weil die Organisatoren nicht nur unterhalten, sondern auch die Wirtschaft beleben wollten, hatten sie verschiedene Ausstellungen organisiert, auf denen sich Industrie, Gewerbe und Forstwirtschaft aus der Region präsentierten. Die Landwirtschaft, die damals noch eine ganz andere Rolle spielte als heute, nahm im Festprogramm breiten Raum ein. Die Bezirkstierschau, ein Viehmarkt auf dem Festplatz, die Aufführung einer Bauernhochzeit und ein landwirtschaftlicher Festzug setzten Akzente. Und nicht zu vergessen der Kinderfestzug, der von vielen Besuchern als "das Schönste vom Chamer Volksfest" bezeichnet wurde.
Am letzten Abend des Festes betrat schließlich Herr Reitmeier die Bühne und stellte dem Publikum im Bierzelt zwei entscheidende Fragen. Zuerst wollte er wissen, ob es angesichts der schweren Zeit richtig gewesen wäre, das Fest zu feiern. Dann erkundigte er sich, ob die Chamer auch im nächsten Jahr ein Volksfest wünschten. Die Festbesucher antworteten ihm auf jede seiner Fragen mit "tosender Zustimmung".
Obwohl das Fest bei der Bevölkerung gut angekommen war, galt es noch die wirtschaftliche Bilanz abzuwarten. Die Chamer Industrie- und Gewerbeausstellungen hatten einen sehr erfolgreichen Verlauf genommen. Mehr als 20.000 Besucher besichtigten die Messe und auch die Aussteller konnten neue Geschäftsbeziehungen sowie erste Aufträge vermelden.
Von der Festwiese hörte man 1949 unterschiedliche Meinungen. Während die meisten Schausteller mit ihrem Ergebnis nicht zufrieden waren, konnte sich der Umsatz bei Speisen und Getränken im Bier- wie auch im Weinzelt durchaus sehen lassen.
Dieser überragende Erfolg bestätigte die Haltung der Vereinsmitglieder und entschädigte sie für die vielen Mühen während der Vorbereitungszeit. Damit war der Grundstein für die bis heute lebendige Tradition der Volksfeste in Cham gelegt worden.
Wechselnde Programmpunkte der Chamer
Volksfeste und Einführung der Frühlingsfeste
In den vergangenen Jahrzehnten war das Leben der Bevölkerung vielfältigen Veränderungen unterworfen. Veränderungen, die sich auch an den Festprogrammen ablesen lassen. Während das Städtetreffen oder das Feuerwerk schon traditionsgemäß dazugehören, sind andere Veranstaltungen im Laufe der Jahre ganz verschwunden. So trat zum Beispiel die wirtschaftsfördernde Funktion der ersten Feste mit ihren Handwerks- und Gewerbeausstellungen zugunsten der Unterhaltung zurück.
Auch der Bereich der Landwirtschaft mit dem Ochsenrennen, Festzügen, Ausstellungen, Bauerntagen u. a. verlor am Ende der 1950er Jahre stark an Bedeutung. Veranstaltungen mit landwirtschaftlichem Bezug waren in der Folgezeit eher die Ausnahme. Dies dürfte zum einem auf die rückläufige Bedeutung der Agrarwirtschaft, zum anderen auf das Ausscheiden von Hans Eder zurückzuführen sein.
Auch die einst traditionellen Kinderfestzüge waren diesem Wandel unterworfen und legten nach 1973 eine fast dreißigjährige Pause ein. Sportliche Wettkämpfe mit teilweise internationaler Beteiligung, vom Fußballmatch bis zum „Spiel ohne Grenzen“, waren schon immer mit dem Volksfest verbunden. Wenn auch nicht jedes Jahr, so gehörten sie doch in regelmäßigen Abständen zum Programm. Besonders erwähnt sei hier nur das Spiel des ASV Cham gegen den 1. FC Bayern München 1973, als die Chamer gegen die späteren Weltmeister Beckenbauer, Müller und Co. mit 13 zu 2 unterlagen.
Erstmals 1957 wurden Ausstellungen heimischer Künstler und Vereine in das Programm aufgenommen. Diese Veranstaltungsreihe setzten die ab 1975 regelmäßig in der Stadthalle gezeigten Hobby- und Bastler-Ausstellungen fort.
Da dem Volksfestverein auch die Förderung der örtlichen Vereine am Herzen liegt, wurden zahlreiche Vereinsjubiläen im Rahmen der Festwoche begangen.
Neben den regelmäßig wiederkehrenden Veranstaltungen ließen sich die Organisatoren auch immer etwas Neues einfallen, so zum Beispiel einen historischen Festzug (1958), ein Oberpfälzer Reit- und Springturnier (1962), Ritterspiele (1968), eine Western-Show (1970) und vieles mehr.
Während vor allem das erste Volksfest eine Bühne für die politische Prominenz bot, hatten nach einer längeren Pause erst wieder ab 1990 Politiker wie Waigel, Scharping oder zuletzt Schröder ihren jeweiligen Auftritt im Bierzelt.
Auch wenn bei diesem kurzen Überblick nicht alle Veranstaltungen berücksichtigt werden können, so soll hier das Chamer Musik- und Brauchtumsfest nicht unerwähnt bleiben. Im Jahr 1967 wurde das Musikfest „Klingendes Cham“ erstmals durchgeführt. Damals nahmen zwölf Kapellen und Spielmannszüge teil, die überwiegend aus dem Bayerischen Wald stammten. Bereits im zweiten Jahr wurde das Programm durch einen Wettbewerb zwischen den Musikern ergänzt. Eine internationale Ausrichtung erhielt das Musikfest von 1969, als Kapellen aus der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und sogar aus der damaligen CSSR auftraten, wo im Jahr zuvor der Prager Frühling niedergeschlagen worden war. Im Laufe der Jahre nahm das Musikfest eine sehr positive Entwicklung und bildet heute einen Höhepunkt des Volksfestes. Die Veranstaltung, die jedes Jahr unter einem anderen Motto steht, führt zahlreiche Kapellen aus Deutschland und der ganzen Welt nach Cham und lockt Tausende Zuschauer an.
Nachdem sich die Volksfeste als fünfte Jahreszeit etabliert hatten, kam der Wunsch auf, ähnlich wie in anderen Städten, auch in Cham regelmäßig Frühlingsfeste durchzuführen.
Das erste dieser Feste, das unter der Regie des Volksfestvereins ablief, fand im Mai 1972 statt. Als Termin wurden die Tage um Christi Himmelfahrt gewählt. Nach einem erfolgreichen Start kann das Chamer Frühlingsfest mittlerweile auf eine über 35-jährige Geschichte zurückblicken.
Verfasser: Timo Bullemer, Stadtarchiv
Cham
"Des wird a G'schäft und koa Pleite!"
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Ein besonderer Hingucker waren anfangs die süßen Kleinen beim Kinderfestzug (hier 1949). |
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Landwirtschaftliche Vorführungen (hier 1951) waren einst fester Bestandteil des Volksfestprogramms. |
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Der Fortschritt nahte rasant 1951. |
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Noch in den 60er Jahren waren Kinder aktiv beim Volksfestgeschehen, wie hier eine Schäfflergruppe 1967. |
Eine kleine Chronik des Chamer Volksfests zu seiner 60. Ausgabe – Ein Fest im Wandel der Zeit
Cham (chi/hh). Das 60. Volksfest wird heuer, 2008, zum bewährten Termin in der Kreisstadt gefeiert, das soll Anlass sein, ein wenig in der Geschichte dieses nach wie vor beliebten Festes zu blättern und den Wandel und die geänderten Intentionen der Verantwortlichen zu beleuchten. Stadtarchivar Timo Bullemer hat für den Chamer Volksfestverein einen Überblick über die Geschichte des Chamer Volksfests verfasst, aus dem hier ein paar bemerkenswerte Stationen aufgegriffen werden.
Die Anfänge 1948
Die Anfänge des Volksfests in Cham liegen keineswegs im Dunkeln, wohl aber in einer Zeit, in der an feiern eigentlich gar nicht zu denken war, so kurz nach dem Krieg, als das tägliche Leben eines Großteils der Bevölkerung von Arbeitslosigkeit und Mangel an allem geprägt war. Da erschien die Idee eines Volksfestes in Cham eigentlich absurd und unpassend zu sein. Und doch wollten gerade in dieser Zeit einige Bürger ihren Mitmenschen ein Zeichen des Zukunftsglaubens und der Lebensfreude geben – und auch die Wirtschaft fördern.
So brachte Stadtrat Karl Reitmeier in der Ratssitzung vom 16. November 1948 die Volksfest-Idee zur Sprache, doch hielt Bürgermeister Schmidbauer die Zeit dafür noch nicht als gegeben, weil die wirtschaftlichen Verhältnisse einfach zu schlecht seien. Er befürchtete gar, dass die Schausteller wegen des Geldmangels der Bevölkerung nichts verdienen könnten, und riet daher den Volksfest-Befürwortern, zumindest einen Geldbetrag zu sichern, der den Fieranten wenigstens die Heimfahrt sichern sollte. Da der Bürgermeister nicht bereit war, den Vorsitz in einem zu bildenden Volksfestkomitee zu übernehmen, wurde im Dezember 1948 eine öffentliche Versammlung einberufen. Dort warb einer der Initiatoren, der Landtagsabgeordnete Hans Eder, vehement für das Volksfest und war sich sicher: "Des wird a G'schäft und koa Pleite!" Weil aber doch das finanzielle Risiko, für das allein die Veranstalter mit ihrem Privatvermögen geradestehen mussten, blieb, konnte noch kein Komitee gebildet werden. Erst bei einer weiteren Zusammenkunft am 26. Dezember im Hotel "Alte Post" erklärten sich 13 Bürger bereit, für ein eventuelles Defizit des geplanten Volksfestes einzustehen. Doch damit auch für künftige Feste ein solides Fundament vorhanden sei, beschloss man, einen Verein zu gründen, der Trägerschaft und Organisation der Volksfeste in die Hand nehmen sollte.
Als Vorsitzende wurden Hans Eder und der Spediteur Hans Scherbauer gewählt, die beide bereits bei früheren Volksfesten aktiv mitgewirkt und so schon Erfahrung in der Organisation eines solchen Festes hatten. Weitere Gründungsmitglieder waren der Leiter der Stadtwerke Fritz Amann, Spenglermeister Heinrich Grötsch, Kaufmann Josef Heilingbrunner, Rechtsanwalt Dr. Rudolf Hösl, Prokurist Peter Mayr und stellvertretender Landrat Karl Muggenthaler. Dazu kamen Bäckermeister Rudolf Österreicher, Innungsobermeisters Karl Reitmeier, Kreishandwerksmeister Hans Roider, Stadtkämmerer Hermann Teufl und Druckereibesitzer Karl Wein. Der damit gegründete Volksfestverein nahm kurz darauf unter der Bezeichnung "Verein zur Förderung öffentlicher Veranstaltungen und kultureller Bestrebungen der Stadt Cham e. V." seine Arbeit auf. Dieser sperrige Name sollte das Ziel, neben dem Volksfest auch andere öffentliche Veranstaltungen durchzuführen und das kulturelle Leben in Cham zu unterstützen, ausdrücken. Diesem Ziel fühlt sich der Verein bis heute verbunden, wie vor allem die Musikveranstaltungen, kulturelle Einrichtungen, aber auch unterstützte Vereine belegen.
Das erste Volksfest 1949
Wenn man ein Fest organisieren will, braucht man einen passenden Termin. Der sollte weder mit dem Further Drachenstich konkurrieren, noch in der Haupterntezeit liegen. Hans Eder schaute in einem alten Bauernkalender nach und kam auf die Zeit nach der Getreideernte, aber doch noch bei häufig schönem Wetter, also Ende Juli/Anfang August. Dass er damit richtig lag, zeigt das meist schöne Wetter bei den Chamer Volksfesten, die immer am letzten Juli-Wochenende beginnen. Das erste 1949 fand vom 30. Juli bis 8. August statt und war ein landesweites Ereignis, denn statt des bisher nur erlaubten Dünnbieres durfte erstmals ein eigens gebrautes Festbier ausgeschänkt werden, mit Sondererlaubnis der amerikanischen Besatzungsmacht.
Aber auch sonst war das erste Volksfest nach dem Zweiten Weltkrieg mit den heutigen kaum zu vergleichen. Denn die Verantwortlichen wollten damals nicht nur unterhalten, sondern vor allem auch die Wirtschaft ankurbeln. So hatten sie verschiedene Ausstellungen organisiert, auf denen sich Industrie, Gewerbe und Forstwirtschaft aus der Region präsentierten. Vor allem aber wurde die Landwirtschaft, die ja damals einen ganz anderen Stellenwert in der Region hatte wie heute, ins Festprogramm eingebunden. Eine Bezirkstierschau, ein Viehmarkt auf dem Festplatz, die Aufführung einer Bauernhochzeit und ein landwirtschaftlicher Festzug waren die Attraktionen. Nicht zu vergessen ist auch der Kinderfestzug, der von vielen Besuchern, vor allem den Eltern, als "das Schönste vom Chamer Volksfest" bezeichnet wurde.
Am letzten Abend dieses ersten Volksfestes betrat Herr Reitmeier die Bühne im Festzelt und fragte das Publikum zwei entscheidende Dinge: Zuerst wollte er wissen, ob es angesichts der schweren Zeit richtig gewesen sei, schon so ein Fest abzuhalten. Und dann fragte er, ob die Chamer auch im nächsten Jahr ein Volksfest wünschten. Die Festbesucher antworteten ihm auf jede seiner Fragen mit "tosender Zustimmung", wie es in den Berichten hieß.
Und das zweite Ziel der Organisatoren, die Förderung der Wirtschaft? Die Chamer Industrie- und Gewerbeausstellungen waren sehr erfolgreich verlaufen, mehr als 20 000 Menschen besuchten die Messe und die Aussteller konnten neue Geschäftsbeziehungen sowie erste Aufträge vermelden. Die Schausteller dagegen waren mit ihren Umsätzen nicht zufrieden, während Bier- wie auch Weinzelt gute Umsätze verzeichneten.
Also hatten sich das Risiko und die Vorbereitungsmühen der Verantwortlichen des Volksfestvereins letztendlich gelohnt und sie hatten mit ihrem starken Willen und ihrem Mut und persönlichen Einsatz letztlich nicht nur ein schönes und Mut machendes Fest für die Bürger Chams organisiert, sondern auch ein solides Fundament geschaffen für die lange Reihe der bisher weiteren 59 Volksfeste (mit dem diesjährigen). Freilich haben sich die folgenden Feste zum Teil recht gravierend von diesem ersten Nachkriegsfest unterschieden, aber die Verantwortlichen im Volksfestverein versuchen eben immer wieder, den gesellschaftlichen Veränderungen mit einem modifizierten Festkonzept zu begegnen. Und dass ihnen dies recht gut gelingt, zeigt die immer noch große Akzeptanz des Chamer Volksfests durch die Menschen aus dem ganzen Landkreis jedes Jahr aufs Neue.
Die Zeiten ändern sich – und das Volksfest mit ihnen
Das Volksfest im Wandel der Zeit – Einiges verschwand, vieles kam neu hinzu, etliches blieb erhalten
Cham (chi/hh). Ein Volksfest steht nicht im luftleeren Raum, sondern sieht sich immer wieder mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten und Veränderungen konfrontiert. So hat der wirtschaftsfördernde Ansatz in den Anfangsjahren des Chamer Volksfests im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung verloren und letztlich bestimmte allein die Unterhaltung der Menschen das Fest. Heute gibt es keine Gewerbe- oder Handwerksausstellungen als Parallelprogramm zum Volksfest mehr. Noch stärker aber ist die Veränderung im landwirtschaftlichen Bereich. Waren hier zu Beginn jedes Jahr Ausstellungen, Bauerntage, aber auch Ochsenrennen und Umzüge mit landwirtschaftlichem Gerät während des Chamer Volksfests zu bewundern, so sind diese ganz verschwunden. Dies hat sicher mit dem Bedeutungsverlust der Landwirtschaft im allgemeinen zu tun, im Chamer Fall aber auch mit dem Ausscheiden von Hans Eder, der ein leidenschaftlicher Kämpfer für das Bauerntum war, aus dem Organisationskomitee des Volksfests.
Andererseits haben sich andere Traditionen eingebürgert, wie das Städtetreffen, das Feuerwerk, der Tag der Senioren oder der Kinder. Einige mussten erst wiederbelebt werden, wie der einst traditionelle Kinderfestzug, bei dem immer weniger Kinder mitmachen wollten und der nach 1973 eine fast dreißigjährige Pause einlegte. Erst vor ein paar Jahren wurde er mit Erfolg wieder ins Leben gerufen. Auch sportliche Wettkämpfe mit teilweise internationaler Beteiligung, vom Fußballmatch bis zum "Spiel ohne Grenzen", gab es seit Beginn im Begleitprogramm, wenn auch nicht in jedem Jahr. Ein Höhepunkt in diesem Bereich war sicherlich das Spiel des ASV Cham, übrigens mit dem heutigen Präsidenten des Volksfestvereins Sepp Altmann im Tor, gegen den 1. FC Bayern München 1973, als die Chamer den späteren Weltmeistern Beckenbauer, Müller und Co. mit 2:13 unterlagen.
Erstmals 1957 kamen Ausstellungen heimischer Künstler und Vereine ins Volksfestprogramm, die ab 1975 zur regelmäßig in der Stadthalle gezeigten Hobby- und Bastel-Ausstellung mutierten. Ein Anliegen des Volksfestvereins ist ja auch die Förderung der örtlichen Vereine und so wurden etliche Vereinsjubiläen im Rahmen der Festwoche mit großem Publikum ermöglicht.
Neben den regelmäßig wiederkehrenden Veranstaltungen ließen sich die Organisatoren jedoch auch immer wieder etwas Neues einfallen, etwa 1958 einen historischen Festzug, ein Oberpfälzer Reit- und Springturnier (1962), Ritterspiele (1968), eine Western-Show (1970) und vieles mehr. Und auch die Politik durfte das Volksfest als Bühne benutzen, vor allem anfangs, doch dann gab es nach einer langen Pause erst wieder ab 1990 Politiker-Auftritte im Bierzelt, etwa durch Theo Waigel, Rudolf Scharping oder zuletzt Gerhard Schröder im Bundestagswahlkampf 2002.
Ab den 60er Jahren wurde es nicht nur im Bierzelt musikalisch, sondern mit dem Musik- und Brauchtumsfest "Singendes, klingendes Cham" 1967 hat sich ein Programmpunkt etabliert, ohne den man sich das Chamer Volksfest heute gar nicht mehr vorstellen kann. Vor allem dem Organisationstalent und den Ideen und Kontakten von Alois Groß ist es zu verdanken, dass dieser musikalische Volksfest-Sonntag die Massen in die Kreisstadt lockt und nicht nur nationale Kapellen den Weg nach Cham finden. Zwölf Kapellen und Spielmannszüge, vor allem aus dem Bayerischen Wald, waren es am Anfang nur. Internationales Flair erhielt das Musikfest von 1969, als Kapellen aus der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und sogar aus der damaligen CSSR auftraten, wo doch erst im Jahr zuvor der Prager Frühling niedergeschlagen worden war und die Grenzen eigentlich wieder dicht waren. Inzwischen ist das Musikfest, zusammen mit dem großen Festzug der teilnehmenden Kapellen wie auch der Jubelvereine aus dem Chamer Umland eine feste Größe und gewiss ein Höhepunkt im Volksfestprogramm.
Zentrum des Volksfestes ist aber nach wie vor das große Bierzelt mit seinen Essen-Ständen und seiner Bierzeltmusik, die natürlich auch ihre Wandlungen durchgemacht hat und von der reinen bayerisch-böhmischen Blasmusik abgekommen ist und immer mehr Party-, Schlager- und Popmusik integriert hat. In den letzten Jahren wurde dem geänderten Musikgeschmack der Besucher Rechnung getragen und für einzelne Volksfestabende wurden Showkapellen engagiert. Eine feste Größe aber seit Beginn des Chamer Volksfests ist die Kapelle Otto Schwarzfischer, die in diesem Jahr ebenfalls ihren 60. Auftritt auf der Volksfestbühne hat, zunächst unter ihrem Gründer Wolfgang Schwarzfischer, ab 1962 bis heute unter dessen Enkel Otto Schwarzfischer. Und ein anderer Trend ist auch festzustellen: Die laute Musik ist nicht mehr so gefragt und ein Abend mit schlichter Blasmusik, erst mal als Versuch im letzten Jahr gestartet, scheint gerne angenommen zu werden.
Wie sich auch die Fahrgeschäfte und Verkaufsstände auf dem Volksfestplatz zwischen Althergebrachtem und Neuem die Waage halten. Da gibt es das Kinderkarussell oder die Schießbuden genauso wie den Autoscooter oder die jährlich neuen verrücktesten "Durchrüttelmaschinen". "Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen", hat mal ein weiser Römer gesagt und deswegen muss eben auch das Fest des Volkes mit der Zeit gehen und sich den ändernden Gegebenheiten anpassen. Der Volksfestverein ist da immer dahinter, damit dieses traditionsreiche Fest der Chamer auch weiter für die breite Bevölkerung attraktiv bleibt.
Die Zwei: Volksfest und Schwarzfischer
Die Kapelle Schwarzfischer spielt beim 60. Chamer Volksfest zum 60. Mal
Cham. (hh/chi) 2005 konnte Otto Schwarzfischer mit berechtigtem Stolz auf die 55 Jahre lange Tradition seiner Kapelle auf dem Münchner Oktoberfest hinweisen, wo sie seit 1950 im Schottenhamel-Bierzelt jedes Jahr auftritt. Aber eine andere Auftritt-Tradition der Oktoberfestkapelle Schwarzfischer ist noch um ein Jahr älter: die Verbindung der Festkapelle mit dem Chamer Volksfest. Denn solange das Volksfest in Cham besteht, also seit 1949, so lange sorgt die Kapelle Schwarzfischer im Bierzelt für beste Stimmung und die passende Musik zum Bier und den Hendln. Mit 16 Mann war die Kapelle damals bereits auf der Chamer Bühne, freilich noch nicht unter ihrem jetzigen Leiter Otto Schwarzfischer.
Denn den Anfang beim Chamer Volksfest machte sein Großvater Wolfgang Schwarzfischer, der bereits 1924 seine eigene Blaskapelle gegründet hatte. Er zeigte eine feste Treue zur Kreisstadt, da sein Vater aus der Gegend Chams stammte und er auch immer wieder Musiker von hier in seine Formation einbaute. Diese Verbundenheit mit der Bayerwaldstadt hat sich wohl auf seinen Enkel Otto übertragen, der 1956 in die Kapelle kam und hier quasi langsam, aber stetig in die Dirigentenposition hineinwuchs. Als schließlich der „Gangerl“ 1962 verstarb, übernahm Otto die Leitung der Kapelle und hielt mit ihr sowohl dem Schottenhamelzelt in München wie dem Festzelt beim Chamer Volksfest die Treue.
Dass diese Zuneigung nicht einseitig ist, zeigt natürlich auch die immer neue Verpflichtung der Kapelle Otto Schwarzfischer durch den Chamer Volksfestverein. Doch dessen Verantwortliche wissen eben, dass die Musik des Otto und seiner Mannen beim Chamer Publikum sehr beliebt ist. Und die Musik hat halt einen beträchtlichen Anteil an dem Interesse am und der Verweildauer im Bierzelt durch die Volksfestbesucher. Dies wurde bereits 1960 in einem Zeitungsartikel bemerkt:, in dem es hieß, „Eine gute Kapelle ist das Herz eines jeden Festes und mit ihr steht oder fällt das Gelingen eines fröhlichen Zusammenseins. Und dass die Kapelle Schwarzfischer ohne Frage zum guten Gelingen des Festes in diesem Jahr wieder beigetragen hat, davon zeugen die vielen begeisterten Worte der Chamer Wiesenbesucher.“
Zwei Jahre zuvor hatte Otto Schwarzfischer erst die Kapelle übernommen, hatte aber eben die beim Publikum bestens ankommende Musik weitergeführt – und bis heute beibehalten. Freilich hat sich der Musikgeschmack der Menschen in den 60 Jahren des Chamer Volksfests mit den Veränderungen in der Gesellschaft gewandelt. Doch die Kapelle Otto Schwarzfischer blieb, wie viele andere Volksfestkapellen, immer auf der Höhe der Zeit und legte sich in ihrem Repertoire eine gesunde Mischung aus traditioneller böhmisch-bayerischer Blasmusik mit Swing-Titeln, Popsongs, immergrünen Partyschlagern und aktuellen Stimmungshits zu, die immer wieder die Leute im Festzelt mitreißt und an den Biertischen hält – oder auch auf ihnen, wenn’s noch geht.
Das 60. Chamer Volksfest ist also zugleich das 60. Engagement der Kapelle Schwarzfischer für dieses Ereignis. Gute Traditionen gibt man eben nicht leichtfertig auf.